Heiner Müller „Philoktet“ Aufführung von Absolventen der Schauspielschule „Ernst Busch“

Das Stück von Heiner Müller wurde bisher in der Literatur sehr kontrovers diskutiert. Ohne Frage handelt es sich um ein inhaltlich wie sprachlich außerordentlich gelungenes Stück. Kontrovers war bisher lediglich die Einschätzung, wie das Stück im Rahmen der Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu bewerten ist.
Hat Heiner Müller hier die Notwendigkeit der Unterordnung des Individuums und seiner Bedürfnisse unter die  Ziele der Entwicklung eines gesellschaftlichen Models dargestellt oder handelt es sich bei seinem „Philoktet“ um eine alle Systeme übergreifende Kritik unmoralischen Handelns?
Heiner Müller hat in einem Interview zur Intention des Stückes gesagt:
[…] dass die Vorgänge, die das Stück beschreibt, nur in Klassengesellschaften mit antagnonistischen Widersprüchen möglich sind, zu deren Bedrüfnissen Raubkriege gehören. Das ist entscheideidend für das Verständnis der Vorgänge. Für uns ist das Vorgeschichte. […]
„Philoktet“ behandelt Ereignisse aus der Vorgeschichte der Menschheit, die in großen Teilen der Welt noch geschieht. […]

(Interview im DDR-Fernsehen am 16. Dezember 1977 (zitiert nach U.Profitlich, „Über den Umgang mit Heiner Müllers Philoktet, in: Basis, Jahrbuch der deutschen Gegenwartsliteratur), 10, 1980, 152f.)

Das war wohl eine Schutzbehauptung, um von der Relevanz des Stückes für die Verhältnisse in der DDR abzulenken. Sicherlich war es aber  in erster Linie eine Kritik an den Verhältnissen im sogenannten real existierenden Sozialismus.
Heute ist die DDR Geschichte, und dadurch entstehen ganz andere Zusammenhänge.
Aus heutiger Sicht handelt es sich bei dem Stück eher um eine sehr moderne Gesellschaftskritik unter dem Aspekt der Spieltheorie, die Menschen als weitgehend unmoralisch, rein rational handelnde Figuren sieht, die ihre Ziele, rein egoistisch definiert, Zug um Zug gegeneinder durchzusetzten versuchen. Moralische Bedenken werden nicht akzeptiert:
Odysseus:
Kein Platz für Tugend hier und keine Zeit jetzt
Frag nach den Göttern nicht, mit Menschen lebst du
Bei Göttern, wenn die Zeit ist, lern es anders.
Mit diesen Worten sucht Odysseus die moralischen Bedenken von Neoptolemos zu zerstreuen. Oder wie Eckart Lefèvre in „Sophokles‘ und Heiner Müllers Philoktet“ schreibt:
Götter sind etwas für die Freizeit, nicht für wichtige Entscheidungen. Der Mensch ist allein, „und keine höhere Macht erlöst ihn durch ihre Gnade“ (Drews, „Philoktet“) (427)
Bei Frank Schirrmacher heißt dieser „moderne“, rational handelnde Mensch unserer Zeit „Nummer 2“. Er ist ein rein rational handelndes Wesen, entstanden im Kalten Krieg, in der sich die konkurrierenden Systeme gegenseitig mit atomarem Drohpotential belauerten und konsequent ihre egoistischen Ziele verfolgten. So schreibt der amerikanische Journalist Fred Kaplan: „Es machte für beide Seiten Sinn, keine Atombomben mehr zu bauen, aber keine der Seiten konnte das Vertrauen haben, einen Vertrag über den gegenseitigen Rüstungsstop zu unterschreiben, denn sie musste annehmen, dass die andere Seite betrügen, mehr bauen und gewinnen würde.“ (nach Frank Schirrmacher „Ego“ S.62)
Die „Spieltheorie“ so bringt es Fred Kaplan auf den Begriff, „behauptete, dass es unvernünftiges Verhalten sei, über seinen Schatten zu springen, also das zu tun, was für beide Seiten das Beste sei, und daruf zu vertrauen, dass der Gegner dasselbe tut. In diesem Sinn war die Spieltheorie die perfekte intellektuelle Grundlage für den Kalten Krieg“.(zitiert nach Frank Schirrmacher „Ego“, S. 59)
Diese Theorie, mit ihrem ihren kalt rationalen, egoistisch handelnden Spielern, bestimmt heute, nach dem Ende des kalten Krieges nach Schirrmacher unser wirtschaftliches und politisches Leben in zunehmendem Maße.
Legt man Erscheinungsformen heutigen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Handelns zugrunde, dann ergibt „Philoktet“ eine beeindruckende Kritik der aktuellen Verhältnisse.
Damit erhält Müllers taktische Aussage, das Stück beziehe sich nicht auf das „sozialistische“ System der DDR, sondern auf Systeme, die der Vorgeschichte angehören, also kapitalistische Systeme,  ironischerweise eine ganz neue Wendung.

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